Kolumne: Typisch Deutsch?
Ein Blick auf unsere Begegnungen rund ums Mittelmeer und auf den europäischen Inseln im Atlantik.
„Sie sind bestimmt Dänen oder Holländer“ schätzt der portugiesische Concierge. „Nein, wir sind Deutsche“
„Das hätte ich nicht gedacht – Sie wirken so gar nicht wie Deutsche.“
„Wie sind die Deutschen denn?“
„Sehr distanziert, reserviert und wenig kommunikativ“ resümiert er.
Uns ist das jetzt schon öfters passiert – wir werden in der Regel als Holländer eingestuft – vielleicht weil Bernd so groß ist hatten wir schon vermutet.
Aber uns ist auf unserer Reise auch schon aufgefallen, dass es schwierig ist, mit Deutschen in Kontakt zu kommen.
Nach vielen Monaten im Ausland fühlt sich das Treffen auf einen Deutschen immer ein bisschen wie Heimat an, aber uns ist auch schon aufgefallen, dass es oft schwer ist, in Kontakt zu kommen. Wenige sind überhaupt gesprächsbereit, manchen fühlen sich sogar belästigt und nehmen Abstand.
Auch wenn jeder Mensch für sich individuell ist, habe ich doch landestypische Unterschiede festgestellt.
Holländer sind immer sehr kontaktfreudig, sprechen eigentlich immer fließend Englisch und oft auch Deutsch, ausführliche Gespräche sind daher immer möglich und die Holländer sind immer für ein längeres Gespräch offen und sehr an ihren Mitmenschen interessiert.
Auch die Briten sind kontaktfreudig – wo man geht und steht wird man von ihnen in ein Gespräch verwickelt – dabei geht jeder Brite selbstverständlich davon aus, dass man Englisch spricht und sich mit ihm unterhalten kann und möchte.
Fröhliche Kontakte hatten wir mit den Schweizern, die wir bisher auf unseren Reisen getroffen haben, alle waren sehr offen, sehr kontaktfreudig und sehr unkonventionell – Schweizer sind von Hause aus mehrsprachig – umschalten von Schwyzerdütsch auf verständliches Hochdeutsch war für sie kein Problem – Englisch geht auch immer. So steht einer interaktiven Plauderei nichts im Wege, ausserdem scheinen die Schweizer nie in Eile zu sein und immer Zeit für eine ausführliche Unterhaltung zu haben.
In den Ländern, die wir bisher intensiv bereist haben, konnten wir unterschiedliche Erfahrungen machen.
In der Türkei ist die Verständigung schwierig, die Türken sprechen selten Englisch und auch – wie man als Deutscher eigentlich vermutet – kein Deutsch, nicht mal gebrochen…
„Wir Türken sind sehr ausländerfreundlich“ informiert mich die Zollbeamtin in der Marina in Didim, die mir ein paar behördliche Auskünfte geben sollte. Gelandet bin ich dort, weil der türkische Kapitän eines Nachbarbootes mich dorthin gefahren hat, weil sie mir vielleicht meine Fragen beantworten kann und fließend Englisch spricht.
Beantworten kann Sie meine Fragen nicht, lädt mich aber erst einmal auf einen Tee ein und so sitze ich, umringt von türkischen Bediensteten (sind das auch Beamte?) im Zoll und verständige mich Englisch:Türkisch
In den gut fünf Monaten in der Türkei stelle ich fest, dass sie Recht hat – überall werden wir freundlich aufgenommen, jeder möchte weiterhelfen – ein Ankerplatz für das Dinghi – der türkische Fischer zeigt auf seinen Liegeplatz, da er jetzt aufs Meer hinaus fährt und erst im Morgengrauen zurück kommt, oder man winkt uns heran, dann können wir an einem Touriboot festmachen und über deren Steg an Land klettern.
Bernd verliert sein Handy im Taxi, gleich naht Hilfe, ein paar türkische Telefonate, der Taxifahrer ist informiert und bringt das Handy zurück zum Restaurant, wo wir gestartet sind, unser hilfsbereiter Türke will Bernd auch gleich dorthin fahren, er hat einen Roller – Auto wäre besser bescheidet er dann und das hat er auch schnell besorgt.
Trotz Sprachbarriere sind alle kontaktfreudig, mit Händen Füßen und Sprachübersetzer geht es immer irgendwie. Die Türken sehen das ganz pragmatisch und unkompliziert. So routen uns die türkischen Busfahrer der kleinen Dolmusse kreuz und quer durchs Land von einer Stadt zur nächsten, als wir Ausreiten um unsere Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Wir steigen von einem Dolmus in den nächsten – klappt alles wie am Schnürchen.
Ich denke an den öffentlichen Nahverkehr zu Hause auf dem Land und kann es gar nicht fassen.
Immer wieder werden wir von Türken aus Deutschland – oder Deutschen türkischstämmigen oder Deutschtürk:Innen – wie heißt das nun politisch korrekt? Denn sich politisch korrekt auszudrücken ist ja in Deutschland enorm wichtig – sie plaudern mit uns über Deutschland, woher sie kommen und geben Tipps für die Türkei. Sowas ist mir in Deutschland noch nicht passiert.
Im nächsten Land Tunesien ist es ganz anders. Die Tunesier in den Touristenorten sind wahre Sprachgenies. Parlieren in Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Französich… kein Problem. Leider sind sie nur an einem interessiert: Geld verdienen, ob Restaurantbesitzer, Ladeninhaber oder die sogenannten False Guides – alles wollen schnellstmöglich viel Geld abzocken. Interesse an der Person besteht nicht.
Das Straßenbild ist auch sehr muslimisch – traditionell – nach westlichen Vorstellungen – Frauen sind im Straßenbild wenig zu sehen. Männer – meist in Gruppen – bestimmen das Straßenbild.
Aufgeschlossener erscheint die Jugend – Schüler sind allgegenwärtig und an der Schuluniform gut zu erkennen. Anders als im Alltagsleben ist dort Kopftuchtragen verboten und so wirken die jungen Leute fröhlich, modern und unbeschwert. Und sie suchen auch den Kontakt und unterhalten sich unverkrampft.
In Tunesien treffen wir auch viele Franzosen, die hier Überwintern – die kommen hierher, weil Französisch gesprochen wird, Englisch ist nicht so ihr Ding – informiert mich die Österreicherin Elfi vom Nachbarboot, die mit einem Franzosen verheiratet ist. Die Franzosen scheinen untereinander gesellig – haben aber an Personen, die nicht flüssig ihre Sprache sprechen, kein Interesse und so muss ich meine Hoffnung, mit ihnen meine Französischkenntnisse zu verbessern schnell begraben.
In Marokko treffen wir auf ein ganz anderes Bild – hier wirkt es auf den ersten Blick noch traditioneller – traditionelle Kleidung – auch bei den Männern, Frauen mit Kopftuch und manchmal sogar mit Niqap (dem Gesichtstuch) sind anzutreffen.
Aber in den Cafés sehe ich viele Frauen und Pärchen flanieren abends am Hafen entlang und durch die Straßen.
Sprachgewandt sind die Marokkaner nicht, zwar ist alles Französisch untertitelt, aber die Einheimischen sprechen meist nicht gut Französisch, auch Englisch ist wenig verbreitet.
Kontaktaufnahme ist daher nicht so einfach – aber es wird uns oft freundlich zugelächelt und zugewunken. Auf der Suche nach einer Toilette nimmt mich eine Marokkanische Frau an die Hand – ich kann mich aber trotzdem nicht entschließen eine öffentliche Marokkanische Damentoilette auszuprobieren.
Wer sicher ist in Deutsch oder Englisch sucht das Gespräch – wir haben einige nette Unterhaltungen geführt.
Die Spanier wiederum sind freundlich, hilfsbereit und distanziert. Spanier treten meist in großen Gruppen auf, bleiben unter sich und sind vor allem eins: laut.
Sechs Spanier in der Tapasbar und man versteht seinen eigenen Gedanken nicht mehr.
Ansonsten geht es entspannt zu. Leben und Leben lassen wird hier groß geschrieben.
Nachdem wir uns hier E – Roller angeschafft haben sind wir einige Male damit unterwegs gewesen. Eigentlich müssen diese auf der Straße gefahren werden. Aber man nimmt das gelassen, Helm oder nicht Helm, muss auch jeder selbst wissen.
Die Städtchen in Spanien scheinen vor allem eins zu sein, eine große Einbahnstraße. Da finde ich es einfacher und kürzer, mir einen eigenen Weg zu suchen oder auf dem Bürgersteig zu fahren. Die Spanier nehmen es gelassen. Jeder macht Platz, keiner beschwert sich.
Selbst der Polizeiwagen, dem ich in der Einbahnstraße entgegenfahre – bremst ab und wartet, bis ich auf den Bürgersteig ausweiche.
Die Portugiesen sind gesprächiger, es wird gut Englisch gesprochen, keiner erwartet hier wohl portugiesische Sprachkenntnisse von ausländischen Gästen, und man gibt sich verbindlich. Ob Kellner oder Vermieter, schnell wird eine kleine Unterhaltung angeknüpft. Die Stimmung ist freundlich, interessiert.
Als wir mit dem Mietwagen auf den Azoren unbewusst im Halteverbot parken, bekommen wir einen Anruf vom Vermieter, die Polizei hat sich bei ihm gemeldet. Da wir uns keiner Schuld bewusst sind, verneinen wir dies. Ein paar Minuten später erfolgt ein zweiter Anruf, die Polizei ist sicher, das wir im Halteverbot stehen und warten auf uns beim Auto.
Als wir das Auto erreichen, erklärt uns der Polizist freundlich, dass ein oranger Strich auf dem Boden ein Halteverbot darstellt, entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten und wir parken das Auto um. Ein Knöllchen gibt es nicht.
Sicher begünstigt das offene Leben auf dem Wasser und das warme Klima, wodurch das Leben mehr draußen stattfindet, dass man mehr mit den Menschen um sich herum in Kontakt steht.
Trotz Sprachbarrieren fühlen wir uns willkommen und mit den Menschen im Austausch.
Im November kamen wir nach mehreren Monaten wieder zurück in die Heimat.
Deutschland erschien mir auf einmal so isoliert und kalt – und das lag nicht nur am Winterwetter.
2 Comments
Haluk Ceylan
Petra und Bernhart, das ist eine sehr treffende Beobachtung – herzlichen Glückwunsch dazu.
Aber wisst ihr, was noch viel schöner ist? Ihr seid wirklich bewundernswerte und wunderbare Menschen.
Liebe Grüße
Haluk⛵️🙋♂️Petra Guertler
Lieber Haluk, danke für deine lieben Worte und es freut mich, dass meine Gedanken so gut bei dir angekommen sind. Unvergessen ist für mich deine Liebe zur Musik von Freddy Quinn und Peter Alexander mit der du uns in der türkischen Marina mit deutschen Schlagern beschalit hast. Lass es dir gut gehen und wir sehen uns – vielleicht auf dem Pazifik…LG Petra

