Gedanken und Motivation

Gastbeitrag: Crewmitglied Jonas – Motivation und Gedanken vor der ersten Atlantiküberquerung

November 2023

„Papa, hast du Lust mit mir im nächsten Jahr über den Atlantik zu segeln?“ Mit dieser Frage ging vor etwa einem Jahr alles los. „Klar, lass uns doch mal schauen, ob wir freundliche Menschen finden, die uns mitnehmen wollen!“ Mit Bernd und Petra haben wir diese Menschen gefunden. Menschen, die uns dieses Abenteuer ermöglichen und mit ihrer Joline eine Heimat für die nächsten Wochen bieten. Meine Freunde kennen meine Pläne. Viele Male mussten sie es in den letzten Monaten ertragen, wenn ich wieder anfing vom Atlantik und der ARC zu erzählen. Immer im Futur oder Konjunktiv: Ich werde, ich könnte, ich sollte. Aber jetzt ist die Zeit des Redens endlich vorbei. Ab jetzt wird im Präsenz erzählt. Wir fahren los.

Unsere Vorbereitungen sind abgeschlossen. In der letzten Woche haben wir geschraubt, gesägt, geflext und geflucht, um Boot und Crew für die Überfahrt seetüchtig zu machen. Frisches Obst und Gemüse baumelt so tief in den Netzen über unserem Tisch, dass sich Bernd regelmäßig den Kopf daran stößt – es wird in den nächsten Tagen schnell weniger werden. Neue Segel werden die Fahrt sportlicher machen, ein neuer Inverter verspricht ein bisschen mehr Komfort. Hinter all diesen Dingen stecken schon jetzt großartige Geschichten. Da unser Boot unter der Last des Proviants schon bedenklich tief im Wasser liegt, werde ich meine Haare auf der Insel zurücklassen. Das spart ein kleines bisschen Gewicht und Wasser zum Duschen 😊

Trotz aller Planung bleibt am Ende immer Unsicherheit. Haben wir an alles gedacht? Jeder an Bord hat da seine eigenen Bedenken. Ob Obst, Eier, Cola oder Kaffee, so kurz vor der Abfahrt wähnt sich jeder in dem Glauben chronisch unterversorgt zu sein. Schaut doch mal rüber zum Nachbarschiff – die haben doch doppelt so viel Obst dabei! Machen wir etwas falsch? Wie sollen wir es auch besser wissen? Für jeden von uns ist es die erste Überfahrt. Am Ende werden wir schlauer sein. Unsere Crew ist in den letzten Tagen Schritt für Schritt zusammengewachsen. Aber 3 Wochen auf so kleinem Raum? Natürlich wird es da den einen oder anderen Konflikt geben, ist ja normal. Aber ich bin optimistisch. In der letzten Woche haben wir so viele Herausforderungen gemeistert, dass wir jetzt schon Profis sind. Jedes Problem werden wir lösen können. Außer, wenn Papa in der Nacht zu viel schnarcht.

Warum segelt man eigentlich über den Atlantik? Die Frage habe ich in den letzten Monaten häufig gehört. Viel Wasser, viel Schaukeln, viele Nudeln – und wozu gibt es denn schließlich Flugzeuge? Aber ich freue mich auf ganz andere Dinge. Nachts alleine in der Nachtwache auf dem offenen Ozean, die Sterne sehen, den Sonnenaufgang. Ich segle leidenschaftlich gern, aber für mich geht es in den nächsten Wochen darum zu erleben „wie das halt so ist“ – als kleiner Punkt auf dem Ozean. Vielleicht finde ich das toll, vielleicht auch nicht. Eine Erfahrung und ein Abenteuer wird es in jedem Fall. Und das ist, was zählt.

Was bleibt jetzt noch zu sagen? Eigentlich geht es ab jetzt um das Machen – nicht um das Schreiben. Eine kleine Geschichte habe ich noch: Die Besorgung der neuen Segel war ein Abenteuer, eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle für Skipper und Crew. Ich könnte jetzt viel über Boots-Stempel, Spanische Steuernummern, Zollkontrollen und Freightforwarder erzählen, könnte mich aufregen und die spanische Bürokratie verfluchen. Und doch hängt die nagelneue Genua nun am Vorstark. Was geblieben ist? 2 neue Segel und eine gute Geschichte. Solche Situationen werden sich in den nächsten Wochen auf die eine oder andere Art noch einige Male wiederholen.
Und am Ende wird es gut sein – und eine tolle Geschichte. Ich glaube wir sind bereit.

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